Frühjahr 1957: - den ABI-Zettel in der Hand,
bloß weg von Oberhausen und ab in die große weite Welt!
Von den etwa 20 Twens dieser Klasse, die zwei Jahre zuvor
hoffnungsvoll und bildungshungrig angetreten waren, hatten es 16
geschafft. Als Schreiner, Schlosser, Dreher, als Kauffrau und
Kaufmann, als Schneidermeister/in und als Bergmann waren sie
angetreten, nun bescheinigte das Papier "hochschulreif"!
Und 40 Jahre danach kehrte ein knappes Dutzend von
ihnen an die Stätte ihres damaligen Lern-, Skat-, Doppelkopf- und
sonstigen Eifers zurück, aus Starnberg, Hannover, Stuttgart,
Detmold, Urach, Groß-Gerau, Kleve und natürlich aus der
näheren Umgebung. Es war schon abenteuerlich, bedurfte gar
kriminalistischen Spürsinns, nach vier Jahrzehnten die Adressen
der Versprengten zu recherchieren; einige waren nicht ausfindig zu
machen, einige leider auch schon verstorben.
Allmählich trafen sie im Hotel Union ein, der
Filius, Big Ben, Foto-Fritz, der Imp, unser Smoky, Senior-Rolf,
"Dickes "...", der Frost-Ekki, Löckchen-Bruno und
nicht zuletzt aus Kleve unser Schmuckstück die "Grüne
Dame", - Stoffel mußte kurzfristig passen. Manchmal gelang
es ohne Mühe, manchmal nur mit Zögern in den ergrauten und
gesetzten Physiognomien die einstmals jugendlichen Züge
wiederzuentdecken. Dann war das Hallo aber groß - Motto
"Weißt Du noch?"
Die nostalgische Runde wurde dann beim abendlichen
Vesper offiziell eröffnet. Es war zu berichten, was er/sie in
vier Jahrzehnten alles angestellt hat, beruflich und privat, und das
geriet unterhaltsam und aufschlußreich. Eines hatten - bis auf
einen - alle gemeinsam: sie waren im "wohlverdienten
Ruhestand" oder kurz davor. Und dieser eine würde meinen
"ob verdient?". Immerhin haben sie sich bis dahin als
Oberstudiendirektoren, Bundesbankdirektor, als Forstdirektor, als
selbständiger Diplomingenieur, als Textilingenieurin, als
Fachleiter und Lehrer "ums Vaterland verdient
gemacht" (hört, hört!). Manch ein
kommunalpolitisches Mandat oder Ehrenamt in Vereinen bis hin zum
sozialen Engagement als "Grüne Dame" hatten den
beruflichen und häuslichen Alltag begleitet.
Natürlich war auch über Wehwehchen zu
klagen oder von den wohlgeratenen Enkelchen zu berichten. Aber immer
wieder tauchten die Fragen auf, warum Big Ben eben Big Ben, warum
Smoky eben Smoky hieß, wer war noch shark, wer Wewurd? Manches
war verschüttet, die Ausgrabung aber stets amüsant,
beispielsweise warum Filius zum Filius wurde? Lateinassessor
Möhrstedt weihte uns in die Wurzeln der lateinischen Syntax ein.
Schließlich sollte jeder mit dem Fundus seines Vokabelschatzes
einen einfachen Satz bilden. Und R. K. aus D. bot an: "filius
est!" Die Klasse grölte bei diesem eigentlich
unproblematischen Satz. Aber das war ein echter Freud (!), denn kurz
vor Mittag dachte jeder an Kantine und keiner an den existentiellen
Ansatz unseres Amateurphilosophen im Sinne von "cogito ergo
sum!" Seitdem hieß Reinhard aus Dortmund eben Filius aus
Starnberg. Die Nacht war verständlicherweise kurz.
Anderntags waren wir in "unser Institut"
eingeladen. Die Runde wurde inzwischen durch weitere
"Ehemalige" bereichert, durch zwei Damen des damaligen
Lehrkörpers, Frau Dr. Becker (sweetheart) und Frau Kairies
(Bio). Herr Katernberg, der Leiter des Kollegs, informierte uns
über wichtige Stationen in der Entwicklung vom damaligen Institut
zum Kolleg, über die heutigen bildungspolitischen Aufgaben und
die aktuellen Probleme. In der Diskussion konnten wir unsere eigenen
Erfahrungen mit dem Erlebnis "Oberhausen" einbringen.
Es war unter uns Senioren einhellige Meinung,
daß es nicht allein das Abi-Zeugnis war, was wir aus Oberhausen
mitgenommen haben. Zum einen war für uns das
Gemeinschaftserlebnis mit gleichgesinnten Erwachsenen bereichernd, der
Internatsbetrieb mit allen gruppendynamischen Prozessen, aber auch
die soziale Erfahrung beim Lernen, die selbstverständliche
Hilfsbereitschaft beim Ausgleichen von Wissensdefiziten. Nicht
zuletzt verband uns alle eine gemeinsame Neugier auf neue
Wissenshorizonte, - es waren schließlich erst 10 Jahre nach
Kriegsende. Und daraus erwuchs bei uns, ja - man staune! - auch ein
fröhlicher Lerneifer.
Sehr wesentlich geprägt hat uns die Erfahrung
mit unseren Lehrern, mit deren Engagement, mit ihrer ansteckenden
Begeisterungsfähigkeit und Intellektualität. - von Dr.
Bauer, dem ersten Institutsleiter, über den pensionierten, aber
mathe-passionierten Dr. Berger bis hin zu "Karlchen" Schick,
dem keine mathematisch-physikalische Zumutung zuviel war. Es war
überhaupt ein sehr kooperatives, bejahendes Miteinander, nicht
nur beim nächtlichen Pokern. In einigen unserer
Lebensverläufe sind Spuren dieser Ansteckung sichtbar.
Anschließend führte uns Herr Katernberg
durch die alten und neuen Gemäuer. Natürlich wurden beim
Streifzug durch die Altbauten, inzwischen mit viel Patina, erneut
Erinnerungen wach, an die ersten Nächte unterm Dach, an das Labor
eines Altsemester und an dessen Forscherdrang mit der Drusofila, an
Flirts mit der Küchenfee, denn Hunger hatte man stets, Geld
selten, und an ...!
Nach gemeinsamen Mittagessen galt unsere Neugier
der Stadt. Schon bei der Anfahrt hatten wir wehmütig
Veränderungen wahrgenommen; es fehlten der Förderturm und
die Kohlehalde an der Wehrstraße, dort wo die Straßenbahn
aus der Stadt abbog. Der Milchladen war wegsaniert. Auch die Felder
rund ums Institut gab es nicht mehr. Am Nachmittag boten sich aus der
Vogelperspektive vom Gasometer weitere Eindrücke vom
Strukturwandel in dieser Stadt, wo früher Stahlwerk und
Hütte das Leben beherrschten, herrscht heute ein Konsumtempel.
Die Probleme der Region waren deutlich spürbar.
In der abendlichen Schlußrunde traf sich dann
nochmals ein harter Kern. Wie früher wurden lautstark Weltlage
und alle anderen Lagen diskutiert und jeder vertrat seinen objektiv
subjektiven Standpunkt mit letzter Inbrunst. Aber auch das war wie damals:
gut gemeint, aber mit wenig Aussicht auf Erfolg, denn - die Verantwortlichen
hörten nicht zu oder waren schon zu Bett.
Unser Fazit: wir haben "Oberhausen" viel
zu verdanken! Darin waren wir einig.
(Prof. Heinz Goebel - ein 57er)