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Rede der Abiturientin Inna Lauff

Einen Moment lang hatte ich nicht richtig nachgedacht, und schon hatte ich die Aufgabe an der Backe,
die Abiturrede zu halten.
Auf meine wiederholte Frage, was ich denn da sagen soll, war die Antwort
mit dem Schweigen der Lämmer vergleichbar. So etwa, als hätte Lisa im
Kunstunterricht danach gefragt, was van Gogh am liebsten zu Mittag aß.
Eines habe ich jedenfalls in Erfahrung gebracht: Meine Rede soll kurz sein und nicht in Russisch.
Dies war eine enorme Hilfe.
Liebe Eltern, liebe Freunde, sehr geehrter Herr Katernberg, liebe Lehrer,
drei Jahre lang ging uns das Wort nicht aus dem Kopf: "Das Kolleg". Das könnte auch gut ein Filmtitel
sein, von Columbia Pictures nach dem Buch von John Grisham oder besser von David Pearson.
"Das Kolleg", die liebevolle Verkürzung von "Oberhausen-Kolleg" - war für uns das,
was für einen Japaner "die Firma" sein muß. Hier ging man nicht einfach morgens hin und
kam nachmittags zurück. Nein, hier wurde diskutiert, gegessen und getrunken, hier wurde Theater gespielt,
von hier verreiste man, und hier war die Klagemauer für manches Private.
Hier war, wie Beamte sagen würden, unser Lebensmittelpunkt, genau gegenüber von Lidl,
dem Lebensmittelpunkt.
Für uns ist das Kolleg also etwas ganz anderes als ein "Staatliches Institut zur
Erlangung der Hochschulreife", wie es im offiziellen Amtsdeutsch heißt.
Selbst Herr Lübbers hätte solche Worte nicht gebraucht.
Ein "Staatliches Institut zur Erlangung der Hochschulreife". Was will uns der Autor damit sagen?
Was erkennen wir in diesem Bild?
1. Das Kolleg ist ein "staatliches" Institut.
Staatlich sind auch die Zahlungsaufforderung des Finanzamts, die Gebührenerhöhung
der Müllabfuhr und das Knöllchen der Polizei.
Kein Wunder, daß die meisten den Staat nicht sehr mögen. Doch noch nie zuvor ist
Er - der Staat - uns gegenüber so nützlich aufgetreten wie beim Oberhausen-Kolleg.
Das Kolleg ist eine zweite Chance. Für alle diejenigen, die nach ersten Berufsjahren mehr
erreichen wollen. Und für diejenigen, die ihr Abitur - aus welchen Gründen auch immer -
zu einem früheren Zeitpunkt nicht machen konnten.
Wer zum Kolleg kommt, der hat also etwas versäumt. Und wer nicht zum Kolleg kommt,
der hat erst recht was versäumt.
Deswegen, wenn auch nur ausnahmsweise: Danke an den Staat. Das ist so ungewöhnlich,
daß man es auch mal sagen muß.
2. Das Kolleg ist ein staatliches "Institut".
Das ist nun eine sehr wichtige Erkenntnis. Man könnte ja auch annehmen, das Kolleg
sei eine Schule. Weit gefehlt. Schule verhält sich zu Institut wie Pauker zu Lehrkörper.
Sprechen wir also über den Lehrkörper. Ein Lehrer besteht biologisch aus Ferien,
Freizeit und einem Gehirn, das ihm die ersten beiden Dinge ermöglicht.
Das war keineswegs eine Beleidigung, sondern ein Kompliment.
Wir haben unsere Lehrer nie nur dozierend und benotend erlebt, sondern immer auch
hilfreich und fürsorglich. Und hierfür danken wir herzlich.
Das Klima am Kolleg war nicht das in einer herkömmlichen Schule, wo Schüler zwischen
10 und 18 Jahren sind. Wer hier als Lehrer am Kolleg Respekt erwerben will,
der kann das nicht mit Noten und mit Tadel tun. Er muß es mit Kompetenz tun,
mit Talent und mit Kollegialität. Und alles das haben wir bei Ihnen erlebt.
Weiter in der Definition:
3. Das Oberhausen-Kolleg ist ein staatliches Institut zur "Erlangung".
Welch ein Wort! Sollten Sie einen Juristen nach dem Wort "Erlangung" fragen, wird er Ihnen
die schlimmsten Tatbestände aufzählen, vom Landesverrat bis zur Hehlerei.
Immer erlangt man etwas, was man nicht erlangen sollte.
Hier ist es anders. Was hier so kompliziert klingt, ist in Wahrheit ganz einfach:
Wir haben was erreicht. Wir haben es geschafft. Wir hatten Erfolg! Wir sind am Ziel.
Das feiern wir heute. Und dazu haben wir auch allen Grund. Es waren keine leichten Jahre.
Es ist nicht einfach, auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur zu machen. Es ist, genauer
gesagt, verdammt schwer.
Gratulieren wir uns also selbst. Seien wir ein bißchen stolz. Haken wir das nicht einfach ab!
Denken wir daran, daß wir alle etwas Wichtiges in unserem Leben erreicht haben.
An dieser Stelle auch herzlichen Dank an alle Eltern, die heute gekommen sind.
Viele von Ihnen haben uns unterstützt, mitgezittert und sich mitgefreut.
Und schließlich:
4. Das OK ist ein Staatliches Institut zur Erlangung der "Hochschulreife".
Das Wort "Abitur" war wahrscheinlich zu einfach. Ein bißchen akademisch mußte es schon klingen.
Reifeprüfung - das bedeutet, daß wir jetzt reif sind. Reif fürs Leben. Reif für die Insel.
Oder eben einfach reif, was bei Obst die Vorstufe ist zu überreif und dann zu "faul".
Wir geloben, es nicht zu sein.
Nun wollen wir das alles nicht überbewerten: Das Abitur ist nicht das Entscheidende
im Leben. Viele andere Werte zählen, und Erfolg kann man auch ohne haben.
Aber es ist das Produkt aus Sich-Aufraffen und Durchhalten, das am Abitur des
Oberhausen-Kolleg so faszinierend ist. "Reif" waren wir eigentlich schon vorher,
eine echte Herausforderung bestanden, das haben wir erst jetzt.
Liebe Eltern, meine Damen und Herren,
wir alle werden das Kolleg vermissen. Aber das Leben danach hat auch positive Seiten.
Nicht mehr um sechs aufstehen, nicht mehr bei Lidl abgeschleppt werden, nicht mehr
Holden Caulfield und französische Revolution.
Ich hoffe, daß wir uns alle wiedersehen. Ich wünsche dem Oberhausen-Kolleg weiterhin
viel Erfolg. Ich wünsche unseren Lehrern viele weitere Abiturfeiern. Und ich wünsche
meinen Mitschülern und mir viel Glück.
Dies war sie also - meine erste und gleichzeitig letzte Abiturrede. Und das war auch
mein letzter Spickzettel, den ich am Oberhausen-Kolleg gebraucht habe. Jetzt brauche
ist keinen mehr. Denn den letzten Satz, den kenne ich auswendig: Das Buffet ist eröffnet.
Herzlichen Dank!
(Inna Lauff)
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