Brief einer Kollegiatin
über die
ersten Eindrücke am Kolleg

Hallo Ramona!

Nun besuche ich schon fast seit 3 Monaten das Oberhausen-Kolleg und befinde mich somit im unwiderruflichen, aber doch auch schönen Schulstreß.

Es sind ungefähr 10 Jahre vergangen, seit ich das letzte Mal die Schulbank drückte. Du weißt, daß ich die Realschule mit der 10. Klasse verließ und nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester 5 Jahre lang in einem Krankenhaus bei Stuttgart auf verschiedenen Stationen gearbeitet habe. Aber dort wurde mir alles zu eng: Der Job war zwar nicht uninteressant, aber die Enge des Beruflebens wurde mir unerträglich. Ich hatte das Gefühl, nur noch Patienten und Ärzte im weißen Kittel zu sehen, ich lernte nur noch Krankenschwestern kennen oder Leute aus ähnlichen Berufsgruppen. Mein Tagesablauf war von der Wechselschicht bestimmt, von 6.00 bis 14.00 Uhr, von 14.00 bis 22.00 Uhr oder von 22.00 bis 6.00 Uhr. Besonders nach dem Nachtdienst war ich mit meinem Schlafrhythmus so aus dem Tritt, daß es mir schwerfiel, Leute zu treffen, zu lesen, Sport zu machen. Mein Privatleben war sehr eingeschränkt. Es war immer dasselbe, ich fühlte mich einfach zu jung und zu neugierig für diese Monotonie, die der Beruf für mich und mein Privatleben brachte. Fernsehen, Freund, Familie konnten nicht alles bleiben, ich wollte Zeit und Raum für mich. Selbst das Tagebuch verstummte angesichts ähnlicher Tagesabläufe. So beschloß ich, einen neuen Schritt zu wagen.

Du weißt, daß meine Schwester auf der Filmhochschule war, daß ich Martin kennenlernte, der aus dem Ruhrgebiet kommt, und daß auch einige meiner anderen Bekannten schon hierhin gezogen sind. Nach langen Überlegungen habe ich gekündigt und beschloß, ins Ruhrgebiet zu ziehen, um dort mein Abitur nachzuholen. Ich melde mich am Oberhausen-Kolleg an!

Was bewegt mich zu diesem Schritt, was erwarte ich eigentlich vom Kolleg? Wozu will ich das Abi machen, wenn ich noch nicht einmal weiß, was ich hinterher damit anfangen möchte? Zunächst einmal möchte ich mich fortbilden, ich möchte eine neue Sprache lernen und neue Interessen suchen und finden. Ich erwarte von den 3 Jahren am Kolleg Zeit für eine allgemeine Wissensverbreiterung und einen Spielraum zum Luftholen. Ich möchte lernen, neue Kontakte knüpfen, neue Ideen sammeln. Das Kolleg ist meine private Fortbildung, tatsächlich eine 2. Chance für mein Berufsleben. Ich werde mir im Laufe dieser Zeit überlegen, ob ich hinterher einen anderen Beruf erlernen möchte oder ob ich mich bewußt für meinen alten entscheide. Der Arbeitsmarkt bietet z. Zt. ja in fast keinem Bereich eindeutige, sichere Perspektiven, so habe ich keine andere Wahl - ich muß es selbst entscheiden, was ich mit meinem Leben anfange.

Der erste Schultag am Oberhausen-Kolleg erinnerte mich an meine Einschulung vor ungefähr 20 Jahren, wie ich dastand mit der Schultüte, einem grauenhaften Haarschnitt, mit zu kleinen Schuhen. Mir war damals eigentlich zum Heulen zumute, aber ich grinste freundlich in die Kamera. Meine Empfindungen diesmal waren ähnlich gemischt. Fragen tauchten auf, wie: Schaffe ich das überhaupt? Wie sind die Lehrer, die neuen Klassenkollegen/-innen? War es richtig, meinen Job zu quittieren? Werde ich Gleichgesinnte treffen? Anderseits war ich neugierig und optimistisch, sehr gespannt, was jetzt passieren würde.

Die Aufregung und das mulmige Gefühl legten sich schnell. Ich sah am ersten Schultag einen Haufen sympathischer, bunt zusammengewürfelter Leute aus den unterschiedlichsten Berufen: Krankenschwestern, Elektriker, "Punks", kaufmännische Angestellte, Leute mit Aushilfsjobs, alle sehr individuell aussehend, originell und farbig gestylt. Mit 18 von diesen Leuten befand ich mich in einer Klasse, die sich in der ersten Woche durch einen Einführungstag und eine "Lern-technikwoche" schnell kennenlernte. Fast allen ging es so wie mir, alle waren gespannt und erleichtert, einen ersten Schritt in eine neue Richtung gemacht zu haben.

Die ersten 2 Wochen war ich total euphorisch: Die Leute aus meiner Klasse waren mir von Anfang an sympathisch, auch zu den anderen bekommt man schnell Kontakt. Ebenso schnell lernten wir unsere neuen Lehrer und Lehrerinnen kennen, sie sind genauso unterschiedlich wie wir. Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik, Latein, Chemie, Religion, Soziologie, Geschichte - dies sind die Fächer, und dementsprechend vielfältig die Lehrer. Bei manchen macht das Lernen Spaß, bei anderen verstehen wir kein Wort, und es ist manchmal echt mühselig. Aber alle sind tolerant, freundlich und viel weniger autoritär, als ich es von früher her kenne. Die Atmosphäre insgesamt ist irgendwie familiär, und zu den meisten Lehrern kann man ein "zwischenmenschliches" Verhältnis aufbauen, was für das Klassenklima und für mich persönlich sehr wichtig ist. So kann ich mich besser am Unterricht beteiligen, habe keine Angst, meine Meinung zu sagen, denn die Lehrer hören wirklich zu! Insofern läuft für mich alles ganz klasse.

Einige Leute aus unserer Klasse jedoch sind schon nach kurzer Zeit abgesprungen, sie kamen nicht mehr, konnten dem Unterricht nicht folgen und fühlten sich überfordert. Meines Erachtens liegt das daran, daß man hier tatsächlich Freiräume hat, diese aber auch selbständig organisieren muß, was nicht immer ganz leicht fällt, weil wir es nicht mehr gewöhnt sind. Man muß sich zu allem selber zwingen, ich bin nun mein eigener Chef, Chef in eigener Sache. Wer steht schon gerne freiwillig auf, wenn Unpünktlichkeit nicht so schlimme Folgen hat wie im Berufsleben und wenn sowieso ein großer Teil der Klasse lieber ausschläft, anstatt die Schulbank zu drücken? Auch zu einer regelmäßigen Anwesenheit im Unterricht muß man sich mehr selbst verpflichten, weil Nicht-Anwesenheit in der Regel wenig negative Konsequenzen hat. Auch das Lernpensum zu Hause bestimme ich selber, und ich glaube, daß es auch schwierig sein wird durchzuhalten. Aber ich bin sehr zuversichtlich, daß ich das schaffen werde. Wichtig ist es, das Ziel, warum ich hier bin, nicht aus den Augen zu verlieren, dann werde ich auch die Durststrecken überstehen und durchziehen! Hoffentlich bleibt es so!

Ganz herzliche Grüße, bis bald

Deine Daniela

(Daniela D’Orlando + Sabine Troll, Ia)