Eine mündliche Abiturprüfung:

Alles halb so schlimm....


Da stand ich also, nach fast drei Jahren Oberhausen-Kolleg, vor dem Neubau und rauchte eine Zigarette nach der anderen. In etwa dreißig Minuten würde ich in Raum 206 sitzen und mich auf die mündliche Abiturprüfung in Biologie vorbereiten. "Warst Du schon dran?" fragte mich eine zitternde Stimme neben mir, und ich blickte in das weiße Gesicht einer Mitschülerin. "Nein, noch nicht", zitterte ich zurück, "Du denn?" und konnte mir ihre Antwort eigentlich schon denken. "Auch noch nicht", antwortete sie trotzdem. Mehr Kommunikation ließ unsere Situation momentan offenbar nicht zu. Wie wir schienen alle umstehenden Prüflinge ihren Gedanken nachzuhängen.

Im Geiste stellte ich mir vor, wie ich bald stammelnd, von plötzlich auftretenden Blackouts gegeißelt, vor den drei Prüfern stehen würde, die mich mit zusammengekniffenen Lippen und einem Blick musterten, der nur aussagen konnte, was das denn wohl für ein vollkommen schwachsinniger Kollegiat sein könnte, den man da zu prüfen versuchte. Thomas kam aus dem Neubau, und sein Anblick riß mich aus meinen Gedanken. Gehetzt um sich blickend, hatte er soeben die Bio-Tortur über sich ergehen lassen. "Und", fragte ich, "wie war es?" Nervös zuckten seine Pupillen hin und her, als er mir antwortete. "Ach, geht so", sagte er. "Was kam denn dran?" "Ich dürfte eigentlich gar nicht mit Dir reden", erwiderte er, und ich schluckte heftig.

Das war ja wie vor Gericht. So streng hatte ich es mir nun doch nicht vorgestellt. Wie ein Geheimagent schlich ich mich an ihn heran, blickte kurz nach allen Seiten und tuschelte mit hochgezogener Augenbraue: "Nun sag schon!" "Radiative Adaption", flüsterte er geheimnisvoll. Mein Unterkiefer klappte herunter. "Was ist denn das?" stammelte ich schwerfällig. Thomas lachte. "Du weißt nicht, was das ist?" fragte er. "Nein, erklär’s mir bitte", rief ich sichtlich schwächelnd. "Tja", sagte er, "keine Ahnung, das hätte ich auch gerne gewußt, gerade, in der Prüfung!" - Das war’s.

Ich wollte nach Hause, ins Bett. Wollte nie mehr etwas von Biologie hören oder sehen, schlafen, bis alles vorbei war. Thomas gesellte sich zu einem anderen Grüppchen und ließ mich wie versteinert stehen. Minutenlang fuhren kleine grinsende Männchen in meinem Kopf Karussell. Gott, war ich fertig. Mein Herz pumpte, als ginge es nur um sein Leben und nicht um meins. Mein Adrenalinspiegel stieg und überredete mich zur Hyperventilation.

Ich schaute auf die Uhr. Es war soweit. 15.55 Uhr. Ich mußte hoch und auf Frau Caroli vor dem Raum 206 warten. Schwerfällig schnaufte ich die Treppe hoch, dicht gefolgt von dem weiblichen weißen Nervenbündel von vorhin, das offensichtlich gleichzeitig mit mir in einem anderen Fach geprüft werden sollte. Gemeinsam warteten wir schweigend im Flur. Betont leger lehnte ich an einem Pfeiler. Ich war auch gar nicht mehr aufgeregt. Fast belustigt betrachtete ich die zitternde Weiße. Wie konnte man nur so eine Angst vor einer blöden mündlichen Prüfung haben, fragte ich mich. Das war doch alles halb so schlimm. Ich jedenfalls würde da nun ganz locker reingehen. Ich grinste selbstgefällig. Ich hatte schließlich gelernt und konnte einfach alles, was zu können war. Weiter hinten im Flur öffnete sich geräuschvoll eine Tür. Ich sah Frau Caroli, die den Flur runter und auf uns zukam. Mein Grinsen vereiste. Wie in Zeitlupe schien sie mich anzusteuern, ohne Mimik auf ihrem Gesicht. Meine Schulter, mit der ich am Pfeiler lehnte, wurde weich und begann zu zittern. "Es geht los", flüsterte ich schreiend dem weißen Gesicht entgegen und fühlte, wie mein Inneres kollabierte. Mitleidig und gleichgültig schauten leere Augen zurück, bevor sich wieder die Vorhänge schlossen, um in die eigene Welt zurückzukehren, die sicherlich ebenso aufregend war wie meine.

"Kann’s losgehen?" fragte Frau Caroli, die uns inzwischen erreicht hatte, und blickte mich dabei mit einer Ruhe an, um die ich sie beneidete. "Nein, kann es nicht", heulte alles in mir, "Klar, warum nicht", sagte meine Stimme, und so folgte ich ihr in den schon erwähnten Raum. Leise schloß sie die Tür hinter uns und drückte mir meine Abituraufgabe in die Hand, die ich nun in der nächsten halben Stunde zu bearbeiten hatte, um danach den Prüfern alles zu erzählen, was ich wußte.

Ich schaute mich um. Die Klasse, in der ich sonst Deutsch LK hatte, war ungemütlich leer. Hinter dem Pult saß schweigend Herr Hilder, der, obwohl sonst ganz nett, nun mit seinem Vollbart wie ein finsterer Terrorist auf mich wirkte. Vorsichtig und mit einem argwöhnischen Blick auf ihn suchte ich mir einen Stuhl und setzte mich hin. Mein Blick fiel auf das computerbedruckte Papier. Ich atmete auf, denn nicht die radiative Adaption sollte mich jetzt beschäftigen, sondern ein kurzer Text von Charles Darwin, und was der so wußte, das wußte wiederum ich. Mein Kreislauf begann sich zu beruhigen, die erste Hürde war geschafft. "Alles klar?" hörte ich Frau Carolis Stimme fragen, bevor sie den Raum verließ, und ich nickte lächelnd. Und ob alles klar war! Noch einmal las ich den Text durch, überflog die dazugehörigen Fragen und fing an, wie ein Besessener Stichpunkte und Tabellen zu machen.

Schon nach zwanzig Minuten legte ich den Kuli beiseite und wartete darauf, abgeholt zu werden. Ich lehnte mich im Stuhl zurück, wobei meine Lederjacke peinlich laut knirschend die Stille des Klassenraumes durchbrach. Herr Hilder schaute kurz auf, wohl um sich optisch über das unangenehme Geräusch zu informieren, vertiefte sich aber bald darauf wieder in seine Zeitung oder was auch immer er sonst da las und überließ mich wieder dem Gefühl des Alleinseins.

Die Tür öffnete sich, und Frau Caroli kam herein, dicht gefolgt von einer meiner Mitschülerinnen, die sich augenscheinlich zu Hause tiefenpsychologische Gedanken über ihre Kleiderordnung gemacht hatte und sich nun mit ihrem viel zu kurzen Rock einen Stuhl suchte, um sich ihrerseits auf ihre Abituraufgabe zu stürzen. Deutlich spürte ich, wie meine Nervosität zurückkehrte, denn ich sollte jetzt immerhin eine halbe Stunde vor drei Prüfern frei sprechen. Ich erhob mich tief durchatmend, begab mich auf den Flur und wartete dort auf die Lehrerin. Mein Herz schlug deutlich lauter, und in meinen Schläfen pulsierte gehetzt das Blut. "Los geht’s", rief Frau Caroli betont aufmunternd und rauschte mit einem Windzug an mir vorbei. Mechanisch setzte ich mich in Bewegung und trabte gesenkten Hauptes hinter ihr her, wie man einer seltsam grinsenden Zahnarzthelferin vor einer Weisheitszahnoperation ins Behandlungszimmer folgt. Und genauso fühlte ich mich. Lächelnd, als wüßte sie überhaupt nicht, um was es hier eigentlich ging, öffnete sie die Tür zum Prüfungsraum und zeigte mir an hineinzugehen, als ob ich sonst unaufhaltsam immer weiter geradeaus gelaufen wäre. Klar, das wäre ich gerne, das will ich ja auch immer beim Zahnarzt, aber was hätte das geholfen.

Ich betrat also den Raum. "Guten Tag", sagte ich viel zu laut, und zwei Augenpaare blickten mich an. "Guten Tag", hörte ich Herrn Hurtienne und Herrn Schmidt sagen und schaute sehr erstaunt in freundliche Gesichter. "Das ist der Herr Leibnitz", sagte lächelnd Frau Caroli. "Das ist uns bekannt", sagten lächelnd die beiden Prüfer. Ich war irritiert. Das paßte nicht in das Bild, das ich mir gemacht hatte. Wieso lächelten sie so? So eine Prüfung war doch etwas sehr Ernstes! Wie, fragte ich mich, konnte man da so freundlich gucken?

"Dann fangen Sie mal an", hörte ich Frau Caroli sagen, und ich gehorchte. Ich öffnete den Mund, und die Worte sprudelten aus mir heraus. Ich fühlte mich, als hätte ich im Leben nie etwas anderes getan als über Genetik zu reden oder als wäre Darwin mein Urgroßvater gewesen. Ich redete und redete, malte Tafelbilder und Tabellen, machte ein Kreuzungsschema, wischte, weil Platz fehlte, und fuhr dann fort. Irgendwann schaute ich dann die Prüfer an, die sich scheinbar seit Beginn nicht bewegt hatten, und atmete tief ein. "Fertig", röchelte ich ausatmend, während mir leicht schwindelig wurde. Wie durch Watte registrierte ich noch eine weitere Frage, die ich ebenso sprudelnd beantwortete, und wurde dann freundlich aus dem Raum geschickt. Mutterseelenallein stand ich im Flur, völlig leer, unfähig, anderes als "war das alles?" zu denken.

Tja, nur wenige Minuten später stand Frau Caroli dann vor mir, um mir das Ergebnis mitzuteilen. "Sie dürfen mich umarmen", sagte sie, "dreizehn Punkte". Ich jubelte innerlich. Dem Gefühl der Anspannung folgte ein unsagbar glückliches. "Denken Sie sich das", antwortete ich und hätte es am liebsten doch getan. So drehte ich mich um und rannte förmlich aus dem Gebäude, um mich endlich mit Sekt und Zigarette zu belohnen.

So war das also. Und wenn ich heute, fast einen Monat danach, die ganze Abiturzeit revuepassieren lasse, so muß ich sagen, daß ich mich schwer getäuscht hatte. Viel Aufregung um nichts, aber dennoch war nichts bisher so aufregend. Und auch für das Abi gilt: Nichts wird so heißt gegessen, wie’s gekocht wird. Ich wünsche also allen zukünftigen Abiturienten, daß sie ruhig in die Prüfung gehen und sich nicht so verrückt machen, wie ich es getan habe. Glaubt mir, es lohnt sich nicht!

(Marcus Leibnitz, Abi Dez. 1997)