Als Angela Merici 1535 die "Gesellschaft der hl. Ursula" gründete, wagte sie etwas völlig Neues. Sie gründete kein Kloster, sondern schuf eine Gemeinschaft von religiös gebundenen Frauen, die "mitten in der Welt" lebten wie Angela selbst. Sie war eine Kontemplative mitten unter den Menschen. Sie wohnte in Brescia, in Oberitalien, aber wenn man ihren Spuren folgt, findet man sie unterwegs: in Mailand, in Cremona, in Jerusalem, in Venedig, in Rom und auf dem entlegenen Monte Varallo. Sie berät Ratsuchende, vermittelt im Streit zwischen Zerstrittenen, lebt zurückgezogen und ist doch ein Mensch der Öffentlichkeit, den man aufsucht, der sich einmischt, der begleitet und hilft.
Diese Mentalität des Beteiligtseins, diese Spiritualität der Offenheit ist das Erbe, aus dem heraus die Ursulinen seit über 456 Jahren ihr Ordensleben verstehen und gestalten. Als der Zeitgeist in Kirche und Gesellschaft die Schwestern zwang, sich in Klöstern hinter verschlossenen Mauern zu sammeln, begannen sie mit der Bildung und Ausbildung junger Mädchen im christlichen Geist. Die Ursulinen waren die ersten, die jungen Frauen Zugang zu Wissen und Bildung verschafften, wie es für die jungen Männer stets üblich gewesen war .
Das mangelnde Verständnis unserer Gesellschaft für aktives, apostolisches Ordensleben, das häufig geringer eingeschätzt wird als zurückgezogenes kontemplatives Leben, hat in unserer Zeit zu einem dramatischen Nachwuchsmangel geführt. Deshalb gibt es in Deutschland nur noch wenige der einstmals renommierten Ursulinenschulen in ordenseigener Trägerschaft. Die Dorstener Ursulinen sind bemüht, trotz dieses Problems ihre Schulen in ursulinischer Tradition weiterzuführen, wobei sie auf die ideelle und finanzielle Unterstützung aller hoffen, die am Fortbestand dieser Schulen interessiert sind.
Andererseits haben die Ursulinen längst Felder der "Einmischung" entdeckt. Die Öffnung der Klausur durch die vom 2. Vatikanischen Konzil eingeleitete Rückbesinnung auf den Gründungsimpuls hat zu wachsender Offenheit in den Gemeinschaften geführt und neues berufliches und außerberufliches Engagement "mitten in der Welt" möglich gemacht. Für den Dorstener Konvent bedeutet das, die Stimme für die Armen und Entrechteten zu erheben, sich gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus zu engagieren, Behinderten zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen, Kranke und Sterbende zu begleiten und - wie Angela Merici - Frauen bei ihrer Selbstfindung zu unterstützen.
Das ehemalige Internat steht Gästen zur Verfügung für Tage der Besinnung, für Tagungen verschiedenster Art, aber auch für Menschen, die Tage der Stille und Einkehr wünschen in der Teilnahme am geistlichen Leben der Gemeinschaft.
[Sr. Johanna Eichmann]
last update: 28.03.2001