Die jüdischen Viertel in Prag und Paris im Vergleich             Zurück zum Tagebuch

Gliederung:

1.0 Einleitung
2.0 Das jüdische Viertel in Prag: Josefstadt
      2.1 Entstehung
      2.2 Räumliche Veränderungen der Josefstadt bis zum 20. Jahrhundert
      2.3 Raumstruktur der Josefstadt im 20. Jahrhundert
      2.4 Das jüdische Viertel heute
3.0 Das jüdische Viertel in Paris: Le Marais
      3.1 Das jüdische Viertel vor und nach der Umstrukturierung der Stadt durch Haussmann
      3.2 Heutige Niederlassung der Juden in Paris
4.0 Vergleich der jüdischen Viertel von Prag und Paris
      4.1 Unterschiede
      4.2 Gemeinsamkeiten
5.0 Fazit und 6.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung
„Prag ist wunderschön. Beim Schlendern durch die Straßen und Gassen der Innenstadt mit seinen herrlichen alten Gebäuden, zahlreichen Cafés und Restaurants fühlt man sich an Paris erinnert.“(1)
Jüdische Viertel befinden sich überall auf der Welt. Juden, die religiös ständig verfolgt wurden, lebten früher in verschiedenen Städten der Welt gemeinschaftlich zusammen. Auch in den Hauptstädten Tschechiens und Frankreichs, Prag und Paris, etablierten sich sogenannte jüdische Viertel.
Mittelpunkt dieser Facharbeit bilden die jüdischen Viertel von Prag und Paris. Es soll dargestellt werden, wo sich die Juden ansiedelten und wie sich ihre Wohnorte im Verlauf ihrer eigenen Geschichte räumlich verändert haben. Schwerpunkt bildet die genauere Betrachtung des jüdischen Viertels in Prag. Die Viertel haben sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede, die abschließend zusammengefasst dargestellt werden.
Interessant verbleibt noch die Frage, wie die heutige Situation der jüdischen Viertel von Prag und Paris aussieht.

2.0 Das jüdische Viertel in Prag: Josefstadt
„Juden haben schon immer eine besondere Rolle gespielt in der Geschichte Prags.“(2) Sie siedelten sich in der Josefstadt an, die sich sowohl räumlich als auch in Bezug auf die Bevölkerung über die Jahre hinweg stark verändert hat. Die Josefstadt, eine der ältesten jüdischen Siedlungen Europas, befindet sich als nord-östlicher Stadtteil in Prag und wird westlich und nördlich von der Moldau eingegrenzt. Das Viertel dehnt sich östlich bis zur Straße Revilucni und südlich bis zur Straße Kaprova aus.

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(1) http://www.diebuntewelt.de/weltweit/prag_main.htm
(2) Arens(1998): Prag: Kultur und Geschichte der „goldenen Stadt“ S.233

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2.1 Entstehung
Die erste jüdische Ansiedlung gab es im 10. Jahrhundert auf der westlichen Seite der Moldau, wo heute das Viertel "Kleinseite" liegt. Hundert Jahre später (1124) wurde dort die erste Synagoge gebaut, die jedoch 1142 abbrannte. Um diese Zeit wurde auch diese erste kleine Ansiedlung wieder aufgegeben. Gleichzeitig, im 12. Jahrhundert, siedelten sich Juden östlich der Moldau an, wo auch heute noch ihr Zentrum vorzufinden ist. Die Ansiedlungen bestanden im 13. Jahrhundert rund um die Altneusynagoge, die 1270 gebaut wurde, und rund um die Altschul, eine weitere Synagoge. Die Juden bevölkerten zuerst nur bestimmte Gassen: die Pinkas Gasse, Breite Gasse, Rabbiner Gasse und drei kleinere Gassen, die zum Friedhof führten. (3) Später dehnten sich ihre Wohnorte aus.
Besiedlungen waren zuerst nur rund um die beiden Synagogen vorhanden. Die spätere Ghettoerweiterung dehnte sich hauptsächlich nach Westen bis zum Moldauufer und im Süden bis zur ersten Stadtmauer aus. Östlich des Gebietes wurde nur ein kleiner Teil für das Viertel neugewonnen, bis zur Heilig Geist Kirche. Nördlich war eine Ausdehnung wegen des Flusses nicht möglich. Die Standortauswahl hatte folgenden Grund: Prag war während seiner Entstehungszeit der größte Kreuzpunkt von Handelswegen in Europa. Für Juden war diese Stadt wichtig, weil sie größtenteils Kaufmanns- und Handelsleute waren. Sie siedelten sich in Prag an und dort in „Marktnähe, oft unmittelbar im Anschluss an den Stadtkern, in der Nähe des Rathauses, der Burg oder der Kirche“(4). Das Viertel konnte im Stadtzentrum Prags an den oben genannten Orten auch deshalb entstehen, weil den Juden kein Gebiet zwangsweise zugeteilt worden ist, so wie dies in manch anderen Städten der Fall war. Das der Standort selbstgewählt war, lässt sich durch die Marktnähe (Altstädter Ring und Teynhof) und der Nähe zu einer Moldaufurt begründen.(5).


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(3) http://www.kafkaest.de/Prag/Seiten/prag_rundgang_josefov1.htm
(4) Behncke (1960): Entstehung und Entwicklung fremdvölkischer Eigenviertel, S.20
(5) Krager (1988): Akademische Berichte, S.100

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2.2 Räumliche Veränderungen der Josefstadt bis zum 20. Jahrhundert
Von Bedeutung ist auch, dass das Viertel räumlich begrenzt war. Nach 1230 schlossen Tore und Mauern das gesamte Viertel ein. Es wurde zu einer eigenständigen kleinen Stadt mit Selbstverwaltung und Gerichtsbarkeit, wodurch es bald den Charakter eines Ghettos annahm. Der Aufbau des Ghettos liegt vor allem daran, dass es Juden und Christen seit dem Jahre 1000 verboten war, zusammenzuleben. Durch dieses Gesetz verstärkte sich die Segregation der Juden mehr.
Der Begriff "Ghetto" wird heute oft willkürlich benutzt. Umgangssprachlich assoziieren Menschen heute eher heruntergekommene, oft ethnisch-religiös dominierte Stadtteile damit. Hier bezeichnet der Begriff Ghetto „ein Viertel für Fremdgruppen, denen die völlige Teilnahme am sozialen Leben, an den Rechten und Vergünstigungen der dominierenden Gruppe versagt und durch dieses „Ausschließen“ eine sozial untergeordnete, wenn nicht missachtete Stellung aufgezwungen ist.“(6) Diese Definition deutet schon die Rolle der Juden im Verhältnis zu anderen Bevölkerungsgruppierungen an. Sie wurden trotz/und/oder gerade wegen ihres wirtschaftlichen Erfolges unterdrückt.
Durch die nunmehr räumliche Eingrenzung des Viertels gab es nur bedingte Möglichkeiten, es weiter auszudehnen. Es wurde von der jüdischen Bevölkerung immer wieder versucht, Gebäude aufzukaufen, die in der Nähe des Ghettos lagen, aber es wurde nur selten zugelassen. Der potentielle Wohnraum musste also günstig und platzsparend genutzt werden, da die Bevölkerungszahlen immer weiter stiegen. Die Bebauung wurde immer dichter und es entstanden sogenannte Judenhöfe. Das ist eine „Wohnform, wo neue Unterkunftsmöglichkeiten für die wachsende Bevölkerung durch Aufschließung des Blockinneren gesucht werden musste.“(7)
Während des 15. und 16. Jahrhunderts entstanden einige für uns heute bedeutende Denkmäler, wie zum Beispiel das jüdische Rathaus, der jüdische Friedhof und auch viele Synagogen. Der Wohnraum verkleinerte sich immer weiter.
Das Ghetto war teilweise unterkellert, damit die Juden eine Fluchtmöglichkeit hatten, falls sie wieder einmal bedroht oder verfolgt werden sollten.
Seit der Entstehung des Viertels bis zum Ende des 19. Jahrhunderts variierte die jüdische Bevölkerungszahl allerdings durch zahlreiche Judenverfolgungen oder aber durch gesetzliche Bestimmungen wie das Judenregal. Das Judenregal ist eine hohe Steuer, die die Juden an den König zahlen mussten. Im Gegenzug bot der König den Juden (Rechts-)Sicherheit und ernannte sie zu seinen „königlichen Kammerknechten“.
1350 fand die erste folgenschwere Judenverfolgung statt, wodurch sich die Bevölkerungszahl der Juden stark verringerte und somit auch wirtschaftliche Nachteile für die jüdische Bevölkerung spürbar wurde.

Im Mittelalter kam es zu weiteren Spannungen zwischen Christen und Juden. 1483 zum Beispiel wurde die Josefstadt heimgesucht und fast alle Wohnstätten wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Es blieb aber nicht nur bei diesen Verfolgungen. Sie häuften sich über die Zeit hinweg, so dass viele Gebäude neu aufgebaut werden mussten, um die Menschen, die sich erneut ansiedelten unterbringen zu können.
Im Jahr 1600 lebten ca. 9.000 Juden im Prager Ghetto.
Die erste genaue Zählung der jüdischen Bevölkerung fand 1729 statt, wo 10.507 Menschen in nur 333 Häusern lebten. 30 andere vorhandene Gebäude waren zu der Zeit schon unbewohnbar.
Mit 10.507 Menschen bildeten die Juden die Mehrheit in der Stadt.
Ungefähr 20 Jahre später, 1744, erließ Maria Theresia, die damalige österreichische Herrscherin, den Befehl, dass alle Juden die Stadt zu verlassen hätten. Das stieß aber bei den restlichen Bürgern auf erheblichen Widerstand. Sie forderten hingegen eine Aufhebung dieses Befehls, da die wirtschaftlichen Nachteile für die Allgemeinbevölkerung zu groß gewesen wäre.
Die Juden hatten zu dieser Zeit die Wirtschaft der Stadt bestimmt. Aufgrund ihrer Religion war ihnen -im Gegensatz zu den Christen- erlaubt, mit Geld zu handeln. Die Christen waren in gewisser Weise abhängig von den Juden, denn die Juden mussten viele Steuern oder andere Abgaben zahlen. Darauf wollte die Stadt nicht verzichten.
Der Vertreibungsbefehl wurde aufgehoben und war auch der letzte.
Seit der Zeit bekamen die sozial niedriggestellten Juden immer mehr Rechte. Im Jahr 1848 wurde den Juden das volle Bürgerrecht zugesagt und zwei Jahre später wurde das Ghetto aufgelöst und als Stadtteil Prags anerkannt. Dies erfolgte durch Kaiser Joseph II, weshalb das Viertel heutzutage auch Josefstadt genannt wird.
Nach Anerkennung des Viertels wurden die Tore und Mauern, die das Viertel einst eingegrenzt hatten, abgerissen. Grundriss und Aufbau hatten sich seit dem Mittelalter bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr geändert. Die Fläche betrug 93.000 Quadratmeter, was 1/9 der Bodenfläche der ‚Altstadt’ und 1/13 der Fläche der ‚Kleinseite’, einem weiteren Viertel auf der westlichen Seite der Moldau, entsprach.(8)
Die kleine Fläche war sehr eng und in einer verschachtelten Bauweise bebaut. Die einzige unbebaute Fläche war der „Garten der Toten“(9).
Trotz der baulichen Enge gab es allerdings relativ viele Synagogen und zwar im Verhältnis 10:1.
Die hohe Anzahl der Synagogen hat seine Berechtigung, denn sie ist nicht nur Gebetsstätte für die Juden, sondern auch Treffpunkt und Versammlungsraum. Die Synagogen bildeten somit eine entlastende Funktion für die sonst üblichen Orte von Treffpunkten für christliche Menschen in einer Stadt.
Durch die Gleichstellung der Juden mit den anderen Bürgern durch Kaiser Joseph II haben viele Juden, vor allem die Reichen und Aktiven, was den größeren Bevölkerungsteil ausmachte, die Chance ergriffen, das enge Viertel zu verlassen, da sie keine Möglichkeit sahen, im Viertel selbst zu Erfolg und Anerkennung zu kommen. Folglich zogen sozial niedriggestellte nichtjüdische Menschen in die Josefstadt: Verbrecher, Diebe, Vagabunden, Prostituierte und andere Asoziale.
Nur noch die Minderheit der dort lebenden Bevölkerung waren Juden, aber auch nur die „fanatisch strenggläubigen und bettelarmen.“(10)
Im Jahre 1850 wohnten in der Josefstadt 80% Juden. 40 Jahre später, 1890, lebten nur noch 20% Juden im Viertel.(11)
Innerhalb kürzester Zeit, innerhalb von nur 50 Jahren, hatte sich die Sozialstruktur im jüdischen Viertel grundlegend verändert. Wo früher die Reichen in annehmbaren Gebäuden gelebt und gearbeitet hatten, waren nur noch Arme, Kriminelle usw. in heruntergekommenen Häusern zu finden. Ende des 19. Jahrhunderts war die Situation unmenschlich und kaum ertragbar, weil die Bevölkerung des Viertels nicht die finanziellen Mittel besaß, das Viertel zu erhalten. Fehlende
Hygiene, Überbevölkerung, heruntergekommene Behausung, Mangel an frischer Luft und Trinkwasser sowie andere Missstände führten zu einer Flächensanierung, die über die Jahrhundertwende von 1895-1906 durchgeführt wurde.

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(4) Behncke (1960): Entstehung und Entwicklung fremdvölkischer Eigenviertel, S.20
(5) Krager (1988): Akademische Berichte, S.100
(6) Behncke , S.15
(7) Behncke ,S.23(8) Krager, S.117
(9) Krager, S.117
(10) Krager, S.118
(11) http://www.kafkaest.de/Prag/Seiten/prag_rundgang_josefov1.htm

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2.3 Raumstruktur der Josefstadt im 20. Jahrhundert
In der Phase der ‚Assanierung’ wurde alles abgerissen bis auf ein paar Gebäude, z.B. die Altneusynagoge oder andere historische Bauwerke und Plätze.
Das zu assanierende Gebiet umschloss die ganze Josefstadt und Einzelbereiche der anliegenden Altstadt, wovon später aber nicht alles saniert wurde.
Vor allem der Kern der Josefstadt wurde komplett neugestaltet. Die Stadt gleicht einem einzigen Chaos.
Die Straßen sind eng und nicht planmäßig angelegt. Es gibt zwei Hauptstraßen: eine führt von Norden nach Süden und die andere von Ost nach West. Von diesen Straßen zweigen weitere kürzere und schmale Nebenstraßen ab. Alle Flächen zwischen den Straßen weisen eine geschlossene Bebauung auf. Die Häuser stehen gedrängt auf wenig Fläche und sind klein. Bis auf den Friedhof und gegenüber der Altschul/Spanischer Synagoge gab es keine freien Flächen.
Synagogen sind überall verstreut, aber auch diese stehen nicht frei, sondern stehen ebenso gedrängt zwischen Wohnhäusern. Es gibt keine offenen Flächen wie Grünanlagen oder Plätze.
Durch die Assanierung wurden Häuserreihen und Straßenzüge niedergerissen und durch eine zeitgenössische Bebauung ersetzt. Die verschachtelte, enge Bauweise verschwand und es entstanden „planmäßig angelegte, breite Straßen; in den Grundstrukturen einheitliche, in den Fassaden recht unterschiedliche Randbebauung; Mischung von Wohn- und anderen Funktionen; Abfall des sozialgeographischen Profils von den Haupt- zu den Nebenstraßen usw.“(12)
Die heutigen Jugendstilpaläste entstanden nach dem Abriss der alten Josefstadt.
Das mittelalterliche Gewirr ist verschwunden und die Stadt wurde mit den restlichen Stadtteilen Prags verbunden. Die Pariser Straße, erbaut nach dem Vorbild Haussmanns, ist eine Verbindungsstraße der Judenstadt mit der Altstadt. Die Verlängerung der Straße ist eine Brücke „Cechuv most“, die eine direkte Verbindung zur Kleinseite bildet.
Durch die Sanierung verschwanden Elend und Armut des Viertels. Der ärmeren Bevölkerung wurde das Wohngebiet zu teuer. So kehrten die Juden wieder zurück in „ihr“ Viertel. Im Jahre 1910 war die Bevölkerungszahl wieder auf 29.000 angestiegen.
Als Hitler in Deutschland die Macht ergriff und kurze Zeit später Österreich besetzte, flohen viele in Deutschland und Österreich beheimatete Juden in die ehemalige Tschechoslowakei, um geschützt zu sein. 1939 lebten in Prag 56.000 Juden.
Den Zweiten Weltkrieg überlebten aber nur 1/10 der Prager Juden. Das Viertel selbst bestand noch, aber nur, weil Hitler geplant hatte, daraus ein „Museum einer ausgestorbenen Rasse“ zu machen.(13)
Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948, lebten in Prag wieder 11.000 Juden. Sie waren jedoch unbedeutend für die Wirtschaft Prags.

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(12) Krager, S.102
(13) Arens, S.235

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2.4 Das jüdische Viertel heute
Während der Zeit des Sozialismus hat sich das Viertel nicht stark verändert. Das liegt zum einen daran, dass der historische Kern der Stadt zu jener Zeit schon nach „Funktion und Struktur ausgestaltet“ war (14) und zum anderen, weil die Tschecheslowakei schon seit dem Ersten Weltkrieg versuchte, wieder einen eigenen unabhängigen Staat zu gründen. Die Einmischung seitens der UdSSR in stadtgeographische Prozesse war wenig erwünscht.
Nach der Auflösung des Ostblocks, 1989/90, sind viele Juden aus der Stadt ausgewandert. Heute leben in Prag nur noch ca. 2000 Juden, eine unbedeutende Minderheit. Dafür hat das Viertel mittlerweile selbst einen hohen Stellenwert für die Stadt Prag, denn es wird intensiv touristisch genutzt, was günstig für die Wirtschaft der Stadt als auch für das Land Tschechien geworden ist.

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(14) http://www.lbp.bwue.de/aktuell/bis/2_97/bis972f.htm

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3.0 Das jüdische Viertel in Paris: Le Marais
Auch in Paris ist ein sogenanntes "Arrondissement" jüdisch geprägt. Das Viertel "Le Marais" bildet das Zentrum der jüdischen Gemeinde in Paris. Jedoch ist das Marais nicht die einzige Niederlassung von Juden in Paris. Diese wohnen mittlerweile fast überall in Paris.

3.1 Das jüdische Viertel vor und nach der Umstrukturierung der Stadt durch Haussmanns
In Paris ließen sich die Juden erst viel später als in Prag als größere Gemeinschaft nieder.
Im 17. Jahrhundert war das Viertel noch ein Wohngebiet der Reichen und Hocharistokraten. Die Situation veränderte sich jedoch während des 18. Jahrhunderts, als der Adel andere Viertel bevorzugte, zum Beispiel Ile St-Louis oder Faubourg St-Honoré, denn die Gebäude im Marais waren schon ziemlich abgenutzt und heruntergekommen. Ins Marais zogen nun die ärmeren Juden. Seitdem entwickelte sich ein Teil des Viertels zu einem jüdischen Zentrum aus.
Viele der damaligen jüdischen Menschen kamen als Flüchtlinge aus dem Osten nach Paris. Sie hofften auf gesellschaftliche Toleranz und auf Arbeitsplätze. Juden versuchten immer, sich in der Nähe des Marktes oder anderen wirtschaftlich relevanten Gebiete einer Stadt anzusiedeln, soweit dies möglich war. Diese Merkmale lassen sich auch in Paris erkennen. Es gibt keine Quellen, die genaue Auskunft darüber geben, wo exakt im Marais sich die Juden von Anfang an niederließen.
Bekannt ist nur, dass sie ab dem 19. Jahrhundert das Gebiet rund um die Rue des Rosiers bewohnten.
Die Bevölkerungszahlen zur Zeit der Französischen Revolution, deuten darauf hin, dass die Juden nur einen sehr geringen Teil der gesamten Bevölkerung ausmachten, denn man zählte damals nur 500 Juden in ganz Paris bezogen auf eine Gesamtbevölkerung von über 1,2 Millionen Menschen.
Als Baron Haussmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Paris sanierte, ließ er das Marais aus. Dort sind immer noch die verwinkelten und engen Gassen des Mittelalters erhalten. Erst viel später, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde das Viertel renoviert, so dass die Grundstückspreise und somit auch die Mieten sehr stark anstiegen.

3.2 Heutige Niederlassungen der Juden in Paris
Das jüdische Viertel "Le Marais" kann man wie folgt eingrenzen: im Süden die Rue Roi de Sicile, im Westen die Rue du-Pont-Louis-Philippee, im Norden die Rue des Rosiers selbst und im Osten die Rue Pavée. Tausende von Juden, die aus den verschiedensten Kulturen kommen (Osteuropa, Nordafrika und Frankreich) leben heute immer noch dort. Durch die „cultural diversity“ ist die Rue des Rosiers eine der abwechslungsreichsten Straßen im Marais. Läden mit koscherem Essen und Designerboutiquen usw. kann man dort vorfinden.
Das Gebiet um die Rue des Rosiers wird immer noch das eigentliche jüdische Viertel genannt und auch so anerkannt, doch die ca. 400.000 Juden, die heute in ganz Paris leben, verteilen sich über die Stadt. Die Verteilung der Juden über ganz Paris ist auch an den Lagen der Synagogen zu erkennen. In den 20 Arrondissements von Paris gibt es 49 Synagogen.
Die jüdische Gemeinde in Paris ist die größte in Europa. Frankreich gab den Juden durch seine bis jetzt recht offene und tolerante Gesellschaftspolitik die nötige Lebenssicherheit. Die neuesten Anschläge auf Synagogen in Paris lassen die jüdische Bevölkerung zweifeln, dort sicher zu leben.

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4.0 Vergleich der jüdischen Viertel von Prag und Paris
In beiden Städten haben sich jüdische Viertel etabliert. Diese sollen nun zusammenfassend verglichen werden. Es gibt sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede.

4.1 Unterschiede
Der gravierenste Unterschied der beiden Viertel ist, dass das Prager Judenviertel einst ein Ghetto mit Stadtmauer und Selbstverwaltung gewesen ist. Als Ghetto war es gewissermaßen eine eigene kleine Stadt mit entsprechenden Verwaltungsgebäuden, z.B. einem Rathaus. Das findet man in Paris nicht. "Le Marias" war niemals eingemauert, sondern bezog sich hauptsächlich nur auf bestimmte Straßen, ohne feste Abgrenzung. "Le Marais" hatte keinen Ghettocharakter.
Die Entstehungszeiten der Viertel liegen weit auseinander.
In Prag entstand das Viertel ca. 400-500 Jahre früher als in Paris. Die Sanierungsart der Viertel bildet auch einen Unterschied. In Prag nahm man eine komplette Flächensanierung vor und in Paris wurden nur die heruntergekommen Gebäude renoviert. Die Straßenzüge blieben dort gleich, so dass man auch heute noch durch verwinkelte, enge Straßen
schlendern kann.
Auch die Wohndichte ist nicht gleich. Nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Sozialismus sind viele Juden aus Prag weggezogen. Es leben nur noch ungefähr 2.000 Juden in der Stadt. Das entspricht 0,2% der Gesamtbevölkerung dort. In Paris vollzog sich das genaue Gegenteil. Nach dem Holocaust sind viele Juden zurück nach Paris gekommen, denn heute leben über 400.000 dort, 4,4% der Pariser Bevölkerung. Mittlerweile ist das Europas größte aktive jüdische Gemeinschaft. Jüdische Feiertage und auch Traditionen werden aufrecht gehalten. In Prag geschieht das nur in geringem Maße.

4.2 Gemeinsamkeiten
Die jüdischen Viertel in Prag und Paris sind wie oben beschrieben sehr unterschiedlich. Einige wenige Gemeinsamkeiten besitzen sie dennoch.
Die erste Gemeinsamkeit ist beschrieben mit dem in der Einleitung genannten Zitat. Viele Menschen assoziieren beim Spaziergang durch Prag oder Paris die jeweils andere Stadt. In Prag gibt es beispielsweise die Pariser Straße, mit Häusern, durch deren Baustil man an Haussmann erinnert wird.
Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Lage der beiden Viertel. Sie liegen flussnah. Juden, die vor allem der Handels- und Kaufmannstätigkeit nachgingen, suchten immer auch Wege, um Handel zu betreiben. Da bietet sich immer ein Fluss an, aber auch ein Ort, durch den verschiedene Handelwege laufen.
Weiterhin ist das äußere Erscheinungsbild ähnlich. Beide Viertel sind klein, die Bebauung sehr eng, die Straßen verwinkelt. Die Stadtteile entsprechen nur einem geringen Teil der Gesamtflächen ihrer jeweiligen Stadt. Beide Viertel strahlen auf die Touristen eine große Anziehungskraft aus. Einmal durch die romantische Aura, die beide Viertel besitzen, zum anderen wegen der jüdischen Denkmäler und Kulturstätten.

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5.0 Fazit
Die jüdischen Viertel haben in den beiden Städten ihren festen Platz und gehören seit Jahrhunderten zum Stadtorganismus dazu. Touristisch attraktiv bilden sie einerseits Kulturstätten, sind aber immer auch Mahnmal und Gedenken an die vielen Juden, die verfolgt und ermordet wurden.
Heute leben weder in Paris noch in Prag die jüdischen Menschen in einem Viertel zusammen, sondern sie leben zwischen andersgläubigen Menschen verteilt in den Städten. Treffpunkt der Juden bleibt immer ihre Synagoge.

6.0 Literaturverzeichnis
Arens, Detlev: Prag: Kultur und Geschichte der „goldenen Stadt“. Köln: DuMont Buchverlag 1998
Behncke, Rosemarie: Entstehung und Entwicklung fremdvölkischer Eigenviertel im Stadtorganismus. Frankfurt am Main: Waldemar Kramer Verlag 1960
Droste-Hennings, Julia und Droste, Thorsten: Paris: eine Stadt und ihr Mythos. Köln: DuMont Buchverlag 2000
Graetz, Michael und Künzl, Hannelore: Vom Mittelalter in die Neuzeit –jüdische Städtebilder. Heidelberg: Universitätsverlag C.Winter Heidelberg GmbH 1999
Gruber, Ruth Ellen: Upon the Doorposts of Thy House. Etobicoke: John Wiley & Sons, Inc. 1994
Hergemöller, Bernd-Ulrich: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Warendorf: Fahlbusch Verlag 1990
Hinkel, Hans: Judenviertel Europas. Berlin: Volk und Reich Verlag 1939
Karger, Professor Dr. Adolf: Akademieberichte: Prag und Böhmen. Dillingen: Akademie für Lehrerfortbildung 1988
Nachama, Andreas: Jüdisches in Paris. Heidelberg: Edition Braus 1994


http://hagalil.de/hagalil/europa/frankreich/geschichte-juden.htm
http://www.diebuntewelt.de/weltweit/prag_main.htm
http://www.lgd.de/projekt/judentum/2-1.htm
http://www.kafkaesk.de/Prag/Seiten/prag_rundgang_josefov1.htm
http://www.bistumsblatt.paulinus.de/archiv/9836/blickpkt.htm
http://www.sowifo.fu-berlin.de/osi/fsi/ap/ap6-haussmann.htm
http://www.lpb.bwue.de/aktuell/bis2_97/bis972f.htm
http://www.maps.ethz.ch/map_catalogue-world.html#metadata
http://sunsite.informatik.rwth-aachen.de/Maps/historical/history_europe.html
http://216.239.37.100/search?q=cache:aSrOyWr4xkC:mailbox.univie.ac.at/Gerhard.Hatz/EL2
39_272.pdf+geographischer+Aufbau+eines+Ghettos&hl=de&ie=ISO-8859-1

http://www.passe-partout.de/docs_de/fakurbd.htm#lesarr
http://www.andel3w.dk/Prague/ENGLISH/pragt06.htm

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Gesamt-Quelle: Eva Urbach (Autorin), Facharbeit in 2002 als PDF-Datei, Abruf am 19.12.2004,
http://www.gymnasium-odenthal.de/download.php3?group=143

 

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